Wintersonnenwende

(Erzählung von Josef Huber)

 

Archäologische Funde belegen, dass das Areal rund um unseren Hof schon sehr lange besiedelt ist. Die ältesten Spuren reichen in die ausgehende Jungsteinzeit zurück. Es ist also gut möglich, dass zu Lebzeiten von Ötzi vor etwa 5.300 Jahren das Dörflein Wielenberg bereits besiedelt war. Eine Besonderheit stellt ein stattlicher Granitblock oberhalb unserer Hofstelle dar, welcher auf seiner tischähnlichen Oberfläche fünf etwa 10 cm tiefe Bohrlöcher aufweist. Steckt man Stäbe in diese Löcher, können damit bei Sonnenaufgang wichtige Zeitpunkte im Jahreslauf anvisiert werden: die Wintersonnenwende rund Weihnachten, die Sommersonnenwende am 21. Juni sowie Mitte April, Zeit der beginnenden Aussaat, und Ende August, Zeit der Ernte. Dieser Kalender- oder Sonnwendstein hat in grauer Vorzeit für unsere Vorfahren mit Sicherheit eine sehr wichtige Rolle gespielt und Gepflogenheiten und Brauchtum wesentlich bestimmt. Die folgende Geschichte wirft einen Blick zurück in jene ferne Zeit.

 

 

Wilu wurde als Sohn einer Schamanin in einer stürmischen Herbstnacht auf dem Wielenberg geboren. Obwohl die Nacht dunkel und düster war, schrie der Knabe kräftig ins Leben. Gleich nach der Geburt befragten die Frauen das Orakel, um mehr über das Schicksal des Buben zu erfahren. Und in der Tat: Die Zeichen standen gut, die Geister prophezeiten ihm eine glückliche und harmonische Zukunft. Unter der liebevollen Obhut der Frauen des Dorfes entwickelte sich der Knabe prächtig. Schon in jungen Jahren wehte ein helles Leuchten auf Wilus‘ Stirn, die Augen waren hellwach, und in seinen Worten schwang ein sanfter Klang, der die Zuhörer am abendlichen Lagerfeuer fest ergriff und in seinen Bann zog.

 

Wilu verbrachte viel Zeit in der freien Natur. Er lauschte dem Gesang der Vögel, dem Rauschen des nahen Baches, den sanften und brausenden Melodien des Windes. Ganz besonders faszinierte Wilu das Werden und Vergehen von Tag und Nacht, von Sommer und Winter, Frühling und Herbst. Genau beobachtete er, wie die Sonne am Horizont gegen Morgen emporstieg, das Himmelszelt erklomm und schließlich gegen Abend hinter den Bergen versank, um auf einer Barke im Schoß von Mutter Erde über den silbernen Fluss der Zeit zu gleiten, damit im ewigen Kreislauf des Lebens ein neuer Tag geboren werde. Rasch war Wilu klar, dass die Sonne am Horizont im Laufe eines Jahres hin- und herpendelte und auf diese Weise die Tageslängen bestimmte und die Jahreszeiten formte. Von einem dunkelhaarigen, bärtigen Wanderhändler aus einem fernen Land im heißen Süden erfuhr Wilu, dass man anderswo die Bewegungen der Sonne in Stein festhielt, um so die Zeit beherrschen zu können. Das faszinierte Wilu, und so machte er sich auf die Suche nach einem geeigneten Stein. Auf einer Anhöhe oberhalb der Wohnsiedlung wurde er fündig. Dort ruhte ein mächtiger Block mit den Zügen eines Schädels in der Erde, den Blick gegen Abend gerichtet. Das war genau der richtige Ort, um die Zeit zu bannen, sie zu lesen und beherrschbar zu machen. Von nun an beobachtete Wilu regelmäßig den Sonnenaufgang am Horizont. Mit einer Spitze aus hartem Feuerstein ritzte er die Visierlinien in den Stein, bis schließlich nach Ablauf eines Jahres die Karte der Zeit vollständig war. Nun markierte er die Punkte für die längste und kürzeste Nacht des Jahres, zusätzlich jene für den Beginn der Aussaat im Frühjahr und der Ernte im Spätsommer. Mit einem Stock aus Lärchenholz und reichlich Schleifsand trieb Wilu in mühevoller Arbeit fünf Löcher in den Stein und hielt so die Linien für die wichtigsten Zeitpunkte im Jahreslauf unverrückbar fest.

 

Wenn nach Sommerende die finstere Zeit begann, wurden die Menschen am Wielenberg ruhiger, nachdenklicher. Mit dem Fallen der Blätter verstummte das bunte, laute Treiben. Die schwere Arbeit wurde weniger, und mit den ersten Herbststürmen öffnete sich langsam die Welt der Geister und Ahnen. Abends saß man gemeinsam um das offene Feuer und erzählte sich im flackernden Schein des Feuers von den Taten der Verstorbenen, von Begegnungen mit Geistern und von den Sorgen und Nöten des täglichen Lebens. In jenen Tagen war Wilu beinahe täglich beim Stein der Zeit, um den Sonnenaufgang anzupeilen. Endlich war es so weit: Die Sonne stand nun genau in einer Linie mit den Visierpunkten für den kürzesten Tag des Jahres.

 

Die dunkelste und längste Nacht des Jahres war angebrochen. Tausende Jahre später würde man um diese Zeit Weihnachten, die Geburt Jesu, feiern. Damals galt es, die Sonne wachzurütteln, deren Wiedergeburt würdevoll zu begehen. Der ganze Clan versammelte sich in jener Nacht um den Stein der Zeit. Die Frauen hatten sich immergrünes Tannenreisig als Symbol des wiederkehrenden Lebens in das Haar gesteckt, die Männer schwangen brennende Kienspäne im Kreis, das Sonnenrad nachahmend. In einem großen, irdenen Topf hatte die Dorfschamanin einen Sud aus getrockneten Pilzen und Kräutern zubereitet. Dieser wurde in einem hölzernen Becher den Erwachsenen gereicht. Der Trunk öffnete die Tore zur Anderswelt, die Geister der Ahnen wurden wieder lebendig, Mutter Erde öffnete ihre Pforten, man blickte hinab in deren Schoß, aus dem im ewigen Fluss der Zeit das Leben immer wieder neu geboren wurde. Im Rhythmus der Trommeln wurde getanzt, man sang die alten Lieder, die von den Anfängen der Zeit und der den Lebensfaden spinnenden Ahnfrau handelten. Tanz und Gesang schweißten die Menschen fest zusammen, man fühlte sich einander innig verbunden. Mit vereinten Kräften würde man auch im neuen Jahr den Stürmen der Zeit kraftvoll trotzen können.

 

Allmählich verstummten die Trommelschläge und die alten Lieder, das Feuer verglomm. Die Nacht lag schwer über dem dunklen Wald.