Die Weihnachtskrippe

 Erzählung zur Weihnacht von Josef Huber

 

Schon Mitte November wirbelten in jenem Jahr die ersten Schneeflocken vom Himmel und schufen eine Winterlandschaft von bizarrer Schönheit. Damals lebte und arbeitete noch Onkel Franz auf unserem Hof und war Teil unserer Gemeinschaft. Erst einige Jahre später gründete er eine eigene Familie und verließ den elterlichen Hof. „Unser“ Franz war nicht nur ein begabter Musiker, sondern auch ein sehr geschickter Bastler. Im Laufe der Zeit hatte er eine wunderschöne Krippe gebaut, welche er jedes Jahr in der alten Stube aufrichtete.

 

Da ich als kleiner Bub Neuschnee unweigerlich mit Weihnachten in Verbindung brachte, fragte ich Onkel Franz, ob es nun so weit wäre und er die Krippe aufstellen würde. „Da musst du noch ein bisschen warten, Seppile“, entgegnete er, „das Christkind kommt erst in gut einem Monat“. Damals wusste ich noch nichts über die Unerbittlichkeit von Kalendern, welche das Tun der Menschen in strenger Manier in den Jahreslauf einbetten.

 

Um den 20. Dezember war es dann so weit. Mit einem Buckelkorb stiegen wir in den Bergwald hinauf, um frisches Moos, Wurzeln und Rinde zu holen. Wieder in der warmen Stube, entfalteten die Gaben des Waldes ihren einzigartigen Duft nach Erde und Holz. Endlich nahm Onkel Franz nach und nach die zahlreichen Krippenteile aus der alten Truhe, welche in seiner Kammer stand. Langsam und bedächtig, als wäre es eine heilige Handlung, fügte er nun die einzelnen Bausteine zusammen und erschuf so allmählich einen kleinen Kosmos von faszinierender Schönheit. Meine Geschwister und ich durften dabei zusehen und ihm manchmal sogar etwas zur Hand gehen. Nach zwei Tagen stand die Krippe in ihrer vollen Pracht: der Stall zu Bethlehem mit Maria und Josef und dem Jesuskind, dahinter Ochs und Esel, die Hirten im Freien, frohlockende Engel. Besonders angetan hatten es mir die Schafe, welche Onkel Franz selber mit seinem Taschenmesser aus Zirbenholz geschnitzt hatte. Dass man mit einem einfachen Messer so etwas Schönes erschaffen konnte, beeindruckte mich dermaßen, dass ich in Onkel Franz einen Künstler mit geradezu überirdischen Fähigkeiten erblickte. Selbst das Holz der Zirbe hat seitdem etwas Magisches für mich, was bis heute so geblieben ist.

 

Ein weiteres Detail der Krippe erregte meine kindliche Aufmerksamkeit ungemein: Auf der mit Moos, Steinen und Wurzeln nachempfundenen Landschaft vor dem Stall zu Bethlehem standen drei Hirten um ein offenes Feuer und sahen staunend zum Himmel. Die lodernden Flammen wurden von einer kleinen Glühbirne erzeugt, die mit Hilfe eines wundersamen Steckers unter einem lichtdurchlässigen roten Stück Papier blinkte. So schön muss der Himmel sein, dachte ich.

 

Der Heilige Abend war Dreh- und Angelpunkt, von dem aus sich die Fäden auf die Ereignisse des abgelaufenen Jahres spannten. Wir dachten an die viele Arbeit in Feld und Wald, an das zarte Sprießen im Frühjahr, an wogende Kornfelder im Sommerwind, an den Herbst mit seinen Stürmen und langen, dunklen Nächten. Gott sei Dank waren wir vor Krankheit und Unwettern verschont geblieben. Sogar ein kleines, gesundes Schwesterchen hatte Anfang Mai das Licht der Welt erblickt. Für all das Glück empfanden wir tiefe Dankbarkeit und große innere Zufriedenheit. In der kleinen Welt auf unserem Hof erlebten wir zusammen die schönsten Stunden des Jahres. Wir fühlten uns stark und waren uns ganz nah. Den Blick in die Zukunft gerichtet, waren wir beseelt vom Wunsch, auch im kommenden Jahr den Stürmen der Zeit kraftvoll trotzen zu können.

 

 

Auf dem Gabentisch lag in diesem Jahr ein auffallend kleines Paket für mich. Als ich es öffnete, befand sich darin ein nagelneues Taschenmesser. Onkel Franz sah mir verschmitzt in meine strahlenden Augen.