Der Fall des Riesen

 Erzählung zur Weihnacht von Josef Huber

 

Der Steiner Xaver war schon seit vielen Jahren Knecht auf unserem Hof. Wie selbstverständlich gehörte er zur Familie dazu. Aus seinem hageren, bärtigen Gesicht blinzelten verschmitzt zwei graublaue Äuglein, die ahnen ließen, dass sein Verstand scharf und er dem Wesen nach ein gutmütiger, sanfter Mensch war. Besonders auffallend waren seine großen Hände, die wie Schaufeln aus dem Handgelenk ragten und alles anpackten, was auf unserem Hof an schwerer Arbeit zu tun war.

 

Geradezu verliebt war Xaver in „seine“ Lärchen, Birken und Haselnusssträucher in unserem Luach [1] oberhalb der Hofstelle. Er beobachtete deren Wachsen und Gedeihen mit großer Aufmerksamkeit und wusste stets genauestens Bescheid, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war, um aus diesen edlen Hölzern allerlei Nützliches wie Körbe, Schlitten, Gabeln und Heurechen herzustellen. „Bei Neumond, wenn der Tag am kürzesten ist, musst du dieses Holz schlagen“, sagte er oft zu mir. „Dann ist der Saft in den Wurzeln und das Holz am kleinsten - beständig und zäh wie ein Dachs“. Xaver redete oft in Bildern, denn er wusste um die Geheimnisse der dunklen Erde.

 

In diesem Jahr hatte Xaver etwas Besonderes vor. Es galt, eine mächtige Lärche zu schlägern, um aus deren Stammstück Späne für die Herstellung von Körben abschälen zu können. Seit Monaten schon redete er von diesem Baum. Immer, wenn er im Luach war, beobachtete er ihn ganz genau, ja, es schien fast so, als ob er durch ihn hindurchzublicken vermochte. „Die vier ersten Meter gehen gut“, meinte Xaver, „dann dreht das Holz und taugt nicht mehr zum Korbern“ (Korbflechten).

 

Bei Neumond zur Wintersonnenwende, ein paar Tage vor Weihnachten, begleitete ich Xaver hinauf in das Luach. Unser Atem dampfte, und der gefrorene Schnee knirschte unter den Nagelschuhen. Oben angekommen, besah Xaver die zu fällende Lärche ganz genau. Viele Male umschritt er den Koloss, so als wollte er um Erlaubnis bitten, ihn fällen zu dürfen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Xaver das Schlägern dieser mächtigen Lärche als Frevel empfand, nur wenn die Erdgeister zustimmten, würde er die Axt ansetzen und den Riesen zu Fall bringen.

 

Es ging schon gegen Mittag zu, als Xaver endlich davon sprach, wo er die Fallkerbe herausschlagen würde. Sein Gesichtsausdruck entspannte sich allmählich, offensichtlich hatten ihm die Erdgeister die Erlaubnis zum Fällen erteilt. In weitem Bogen holte er mit der Axt aus, und mit kräftigen, gezielten Hieben schlug er eine klaffende Wunde in das Fleisch des Riesen. Dann setzten wir auf der gegenüber-liegenden Seite die alte Handsäge an und trieben sie zügig in das nach Harz duftende Holz. Ein lautes Ächzen kündigte den Fall des Baumes an. Vorerst nur ganz langsam öffnete sich der Sägespalt, dann ging es sehr schnell. In einem weiten Bogen fiel die mächtige Lärche pfeifend und schnaubend durch die Luft. Mit brachialer Gewalt schlug sie auf dem Boden auf und ließ die Erde unter unseren Füßen erzittern. Ein letztes, kurzes Aufbäumen. Es schien, als ob sich darin die heißen Sommer, die brausenden Stürme und die eiskalten Winternächte ihres langen Lebens zu einem Klagelied von Mutter Erde verdichteten. Nun war es still! Nur zwei vorbeifliegende Raben durchschnitten mit ihrem Krächzen diesen magischen Moment. Vom Wielenberger Kirchlein ertönte das Mittagläuten.

 

„Bis Lichtmess lassen wir den Baum auf dem Boden liegen“, eröffnete mir Xaver, „dann kann der letzte Saft in die langen, dicken Äste abfließen. Ab heute wächst der Tag wieder, das ist ein gutes Zeichen“.

 

Am Heilig Abend versammelten wir uns alle zum Räuchern und zogen betend durch Haus und Hof. Als wir ins Freie traten, richtete Xaver seinen Blick zum Luach und entbot „seiner“ Lärche einen letzten Gruß zur Weihnacht.



[1] Luach ist eine Flurbezeichnung; das Areal ist meist mit lichthungrigen Hölzern wie Lärche, Birke u.a. bewachsen. Ein Luach wurde früher auch als Weide genutzt.