Weihnacht nach dem großen Sturm

 (Erzählung von Josef Huber)

 

Der Sommer war dieses Jahr eher trocken, doch Anfang November öffnete der Himmel seine Schleusen, und es regnete ununterbrochen drei Tage lang. Besorgt richteten wir den Blick gen Himmel, denn wir wussten nur zu gut, dass bei zu viel Regen die Erde leicht abrutschen und ganze Hänge mit sich reißen konnte. Zum Glück kam es nicht dazu. Dafür kam in der dritten Nacht ein gewaltiger Sturm auf, der mit roher Gewalt jaulend über Felder und Fluren fegte. Bei Tagesanbruch sahen wir in die Sturmverwüstung hinein. Hoch oben im Bergwald hatte der Wind Dutzende Bäume wie Streichhölzer umgeknickt.

 

Schon am nächsten Tag machten wir uns mit den nötigen Werkzeugen daran, die Bäume zu entasten, zu entrinden und zu Stämmen zusammenzuschneiden. Kurz vor Weihnachten wurde es bitterkalt. Eines Abends begann es heftig zu schneien. Am Morgen lag eine dicke Schneedecke über dem Land. „Wir müssen nun in den Bergwald hinauf und das Holz holen; bei diesem Schnee können wir mit dem Halbschlitten[1] die Mussl[2] problemlos ins Tal bringen“, sagte Vater mit gebietendem Ernst.

 

Ich war gerade 16 Jahre alt geworden und fühlte mich kräftig und war voller Tatendrang. Da Großvater in letzter Zeit kränklich und schwach geworden war, lag es nun an mir, meinen Vater in den Bergwald zu begleiten, um von dort die schweren Baumstämme mit dem Halbschlitten ins Tal zu befördern. Schon am nächsten Morgen rüsteten wir uns noch bei Dunkelheit zum beschwerlichen Gang durch den tiefen Schnee hinauf in den Bergwald. Ausgestattet mit klobigen Nagelschuhen und Hosen, Jacken und Fäustlingen aus dickem, rauem Loden, schulterten Vater und ich die Halbschlitten, an denen schwere, eiserne Bremsketten und dicke Hanfseile hingen. Schweigend stapften wir durch den frischen Schnee bis wir bei den ersten Sonnenstahlen das Ziel erreichten. Wir beluden die Schlitten mit schweren Baumstämmen. Nachdem die „Mussl“ mit Seilen festgezurrt waren, ging es voll beladen den steilen Hohlweg hinunter. Vater fuhr voraus und bahnte den Weg. Ich folgte ihm mit meinem Schlitten in sicherem Abstand. Schnell nahm ich Fahrt auf, die Last der frischen Baumstämme drückte mächtig gegen mich. Um die Geschwindigkeit zu drosseln und nicht abgetragen zu werden, presste ich mich mit aller Kraft gegen die hölzernen Lenkhörner. Mit beiden Nagelschuhen bremsend, schob mich das ächzende Gefährt vor sich her durch den frischen Schnee den steilen Weg nach unten. Plötzlich raste ich auf eine scharfe Rechtskurve zu. ‚Die schaffe ich bei diesem Tempo nicht‘, schoss es mir durch den Kopf. ‚Ich muss die Bremsketten abwerfen, sonst fliege ich aus der Kurve den Abhang hinunter‘. Nur mit Mühe ertastete ich in wilder Fahrt mit klammen Fingern die Glieder der Bremsketten. Langsam löste ich sie von der Halterung bis schließlich beide Ketten unter den Kufen ratternd nach hinten gerissen wurden und am Anschlag blockierten. Endlich! Der schwere Schlitten verlor an Fahrt, im letzten Moment war die Geschwindigkeit vor der Rechtskurve derart gedrosselt, dass es mir mit aller Kraft gelang, das Gefährt auf dem Weg zu halten. Das nächste Teilstück war nicht mehr so steil. Ich war gezwungen, die Bremsketten von den Kufen zu lösen und wieder in der dafür vorgesehenen Halterung einzuhängen. Schon bald bekam ich ein Gefühl dafür, wie man den schweren Schlitten am besten lenken und ein angemessenes Tempo halten konnte. Zum Glück hatte ich Vater oft dabei beobachtet wie er mit Leichtigkeit schwere Holzfuhren sicher ins Tal beförderte. In den kommenden Tagen ging mir die mühsame und gefährliche Arbeit immer leichter von der Hand.

 

Zu Heilig Abend brachten Vater und ich die letzte Fuhre ins Tal. Eine feierliche Stimmung lag in der Luft. Am späten Nachmittag stellten wir nach getaner Arbeit die Schlitten in den Geräteschuppen, dann betraten wir die warme Stube, wo Mutter mit den kleineren Geschwistern gerade die Weihnachtskrippe aufrichtete. Es duftete nach Kräutertee und frisch gebackenen Keksen. Eine große Zufriedenheit breitete sich aus, ein tiefes Glücksgefühl, erwachsen aus der Genugtuung nach getaner, schwerer Arbeit, erfüllte mein jugendliches Herz. Ich setzte mich zu Vater und Großvater auf die Ofenbank. Zum ersten Mal seit frühen Kindertagen umschloss Vater mit seinen klobigen Fingern meine rechte Hand und drückte sie kurz. So sagte er mir auf seine Art, dass ich es gut gemacht hatte und er stolz war auf mich. Die nächste Generation ging nun in seinen Spuren. Es war Weihnachten!

 


[1] Kurzer, hölzerner Hornschlitten für den Transport von Baumstämmen

[2] Baumstämme