Bergweihnacht am Kräuterhof

 Das Taschenmesser (Erzählung von Josef Huber)

 

Ende November wechselt plötzlich die Stimmung. Die Natur hat sich völlig zurückgezogen. Ein kalter Hauch kriecht durch die Fugen und Ritzen unseres alten Bauernhauses. Es riecht nach Winter. Beim Aufstehen fröstelt es mich. Erst das knisternde Feuer am Küchenherd verbreitet eine wohlige Wärme. Anfang Dezember fällt der erste Schnee und verzaubert die Landschaft. Die Tannen im Wald über unserem Hof ächzen unter der Last der weißen Pracht. Eine friedvolle Stille legt sich über das Land. Ich mache mich auf und stapfe den alten Hohlweg entlang nach oben in den winterlichen Bannwald. Meine Gedanken entschwinden in die Zeiten. Die Ruhe und der Duft der Tannen und des Mooses erwecken Erinnerungen an die Weihnacht aus Kindertagen:

 

  Großvater gibt glühende Holzkohle aus dem offenen Herd in die eherne Räucherpfanne. Dann streut er ein Gemisch aus Fichtenharz, Quendel, Schafgarbe und Meisterwurz darüber. Ein würziger Duft steigt auf und breitet sich aus. Rosenkranz betend gehen wir gemeinsam durch Haus und Hof, um die Geister des Bösen aus dem alten Gemäuer zu verbannen. Ein stiller Zauber legt sich über das Heimathaus, unsere Gedanken kreisen um die Weihnacht. Es ist Heilig Abend! In der Stube hat Vater schon am Vortag Krippe und Christbaum aufgerichtet: den Stall zu Bethlehem mit dem Jesuskind in der Krippe, Maria und Josef und Hirten mit ihren Schafen auf der Weide. Am Baum flackern dünne Wachskerzen und verwandeln die Stube in einen heiligen Ort. An den Ästen baumeln rote Äpfelchen von unserem knorrigen Apfelbaum, der seit Menschengedenken hinter dem alten Backofen Wind und Wetter trotzt. Auf dem Gabentisch liegen kleine Päckchen, die mit braunem Papier umhüllt sind. Für alle ist etwas dabei: warme, handgeschneiderte Jacken, Socken aus Schafwolle, Taschentücher, Kekse und Nüsse. Für mich hat das Christkind dieses Jahr sogar ein Taschenmesser auf den Gabentisch gelegt, ein Prachtstück mit einem schönen, glatten Holzgriff und einer scharfen Klinge zum Aus- und Einklappen. Wie stolz ich darauf bin! Ich könnte weinen vor Freude. Als „großer Bub“ brauche ich so etwas ganz dringend; so ein Taschenmesser ist immer nützlich bei den vielen Arbeiten in Hof, Feld und Wald. Ich werde es jeden Tag bei mir tragen, natürlich an einer Kette hängend, damit ich es niemals verliere. Im Mai werde ich meinen kleinen Geschwisterchen damit Pfeifen aus Eschenholz schnitzen, die laut und hell in den blauen Frühlingshimmel schallen werden.

 

 Was immer geschieht im bäuerlichen Jahr auf unserem Hof, ist jetzt in unseren Herzen gegenwärtig. Unsere Gedanken kreisen um die Mühen der Arbeit im Jahreslauf. Wir sind dankbar, dass uns Blitz, Hagel und Sturm verschont haben. Der Roggen auf den steilen Äckern ist bestens gewachsen. So haben wir ausreichend Brot für den harten Winter und brauchen nicht zu hungern.

 

 Die Nacht ruht dunkel und schwer über unserem Hof. Es beginnt zu schneien. Wir rüsten uns für den Gang zur Christmette in die Kirche von Percha. Vater geht mit einem brennenden Kienspan voraus und bahnt uns den Weg. Wir folgen ihm, still und in Gedanken versunken. Mit Orgelbegleitung singen wir gemeinsam das Lied von der Stillen und Heiligen Nacht. Der greise Pfarrer Anton segnet die Christengemeinde und erfleht den Segen Gottes. Die Tage verstreichen: Christtag, Stephanstag, Johannestag. Zu Silvester am 31. Dezember nehmen wir Abschied vom alten Jahr. Erneut ziehen wir mit der Rauchpfanne durch Haus und Hof und bitten um Glück und Segen für die neue Zeit.

 

Gemächlich schreite ich den Hohlweg wieder hinunter zu unserem Hof. Ich greife in den Hosensack und nehme das Taschenmesser aus Kindertagen heraus. Ich klappe es auf; die Klinge funkelt in den Strahlen der untergehenden Sonne. Ein zufriedenes Lächeln huscht über meine Lippen. Ich finde, dass es nach all den Jahren nichts von seiner Magie und Schönheit eingebüßt hat. In der alten Rauchküche entzünde ich Feuer am offenen Herd. Es knistert, und eine wohlige Wärme breitet sich aus. Die Dämmerung bricht herein. Am Horizont steht breit und sanft das Abendrot. Aus dem dunklen Bergwald huschen geheimnisvolle Schatten.